Montagsfrage #113 – Wie hoch ist mein Leseanteil in einer Fremdsprache und warum lese ich nicht die Übersetzung?

Guten Morgen! (kann man half elf am Vormittag noch sagen, oder?)

Über die dieswöchige Montagsfrage freue ich mich sehr, beschäftige ich mich doch gedanklich sehr viel mit dem Thema beim Betrachten meiner Bücherregale. Die Entwicklung der vergangenen, na sagen, wir 4 Jahre, war dramatisch. Dramatisch im Sinne von heftig, unübersehbar, und weder negativ noch positiv konnotiert. Ich studiere auf Englisch, ich lebe in Finnland und lerne Finnisch, jeden Tag bekommt es mein Gehirn besser auf die Reihe, dreisprachig zu kommunizieren. In meinen Denkprozessen vermischen sich alle drei Sprachen, ich träume in drei Sprachen – ich lese in drei Sprachen. Vielleicht irgendwann vier, wenn ich mir ein Herz nehme und mal wieder ein Buch auf Französisch lese, wie ich es zuletzt 2017 getan habe.

Bisher ist es so, dass sich der Fremdsprachenanteil meiner Bücher, die ich bis 2017 gelesen habe und aus den Jahren davor stammen, auf vielleicht 5% beschränkt. Ich las während meiner Schulzeit hin und wieder ein Buch auf Englisch. Entweder, um mein Englisch zu verbessern, oder aber, weil das Buch auf Deutsch nicht oder nicht mehr verfügbar war. Nach der Schule war ich dann Au Pair hier in Finnland, meine Gastmutter Amerikanerin und danach begann ich meinen englischen Bachelor, und damit begann dann auch der Anteil fremdsprachiger Bücher in meinem Besitz sprunghaft zu steigen. Ich las dann nicht mehr auf Englisch, um mein Sprachverständnis zu verbessern, das mache ich heute bei Finnisch. Tatsächlich vergesse ich manchmal, in welcher Sprache ich überhaupt lese, weil ich keinen Unterschied mehr feststellen kann. Das gab und gibt mir die Freiheit, meine Bücher nach anderen Kriterien zu wählen. Und ja, ich gebe zu, manchmal kaufe ich dann das Exemplar, was weniger kostet – was häufig das englische Exemplar ist. Geld wächst nicht auf Bäumen und reich bin ich auch nicht, also gebe ich das hier mal ganz schamlos zu 😉 Manchmal gefällt mir das englische Cover auch einfach besser xD Es gibt auf dem deutschen Buchmarkt teilweise unfassbare Hässlichkeiten zu bestaunen, bei denen ich mir denke, warum in aller Welt sollte ich mich hiervon angesprochen fühlen? Letzten Endes wähle ich ein Buch immer nach dem Inhalt, aber wenn die englische Ausgabe stilvoller daherkommt, dann entscheide ich mich beim gleichen Produkt und ähnlichen Preis eben eher für die schickere Ausgabe.

ABER Geld und Aussehen sind eben auch nicht alles im Leben. Manchmal ist es auch einfach so, dass ich Bücher auf meiner Wunschliste stehen habe, die es auf Deutsch nicht gibt. „Pech, sagt die Kuh Elsa“, wie meine Mutti immer so passend sagt. Die Bücher sind entweder noch zu neu und ich müsste drei Jahre warten, wofür ich zu ungeduldig bin (ein echtes first world problem). Oder es gibt sie schon länger, aber ins Deutsche übersetzt wurden sie trotzdem nie. Gerade wenn die Originalsprache solcher Werke nicht Englisch ist, habe ich dann meistens mehr Glück, eine englische Übersetzung zu finden und diese zu lesen. Ich habe auf meiner Wunschliste aber zum Beispiel auch Bücher französischsprachiger Autorinnen, deren übersetzte Werke nicht so leicht zu bekommen sind und bei denen ich dann eben auf das französische Original zurückgreifen werde. Was das betrifft, bin ich mehr als dankbar dafür, dass ich recht sprachtalentiert bin. Selbst die vier Jahre Französisch am Gymnasium, die ich nicht wirklich genossen habe, reichen aus, dass ich mich mit viel Willen und mit den vereinten Kräften meiner Französisch- und Lateinkenntnisse sowie des Wörterbuches durch schmale franzöische Texte „kämpfen“ kann. Beim zweiten oder dritten Text fällt mir das Lesen dann schon wesentlich leichter.

Dann gibt es auch noch einen letzten Grund nebst Verfügbarkeit, Preis und Gestaltung, der mich in die Arme der Fremdsprachen treibt – es gibt Werke, die will ich nur im Original lesen. Das trifft meist auf Werke zu, die vor allem für ihre sprachliche Schönheit berühmt sind. Also zum Beispiel die Shakespeare Werke; ich habe Shakespeare noch nie auf Deutsch gelesen und habe auch keine Lust dazu, genau wie ich Goethe nie auf einer anderen Sprache als auf Deutsch lesen will. Das klingt sehr hart gegenüber den Übersetzer*innen, die eine Wahnsinns Arbeit darin investiert haben, einen Text auch jenseits der bloßen Worte in einer weiteren Sprache zugänglich zu machen. Ich will diesen Menschen ihre Arbeit nicht aberkennen, ihr leistet einen großartigen Dienst für die Gesellschaft, es ist bloß eine persönliche Eigenart von mir, dass mich bestimmte Texte einfach nur im Original reizen. Aber das sind dann wirklich Einzelfälle. Bei den allermeisten Büchern (weeeeeeiiiiiiit über 90%), die ich lese, ist diese Eigenart nicht ausschlaggebend.

Zur Zeit sieht es so aus, dass meine Regale hier in Finnland mit berwiegend englischen Titeln gefüllt sind, so etwa ein Drittel bis ein Viertel sind auf Deutsch und hier und da findet sich ein Buch auf Finnsch. Die Regale in meinem deutschen Kinderzimmer dagegen sind prall gefüllt mich Büchern auf Deutsch und nur wenige englische Titel finden sich. Und ein einziges auf Französisch 😉 Zusammengerechnet halten sich Deutsch und nicht-Deutsch also in etwa die Waage. Dieses Jahr werde ich wohl wieder mehr auf Deutsch lesen, aber ich bleibe mir treu und werde die Gunst der Stunde nutzen, falls mir ein attraktives nicht-Deutsches Buch über den Weg läuft 😀 So geschehen letzte Woche, als ich im großen Buchladen in der Nachbarstadt gestöbert habe und die doch tatsächlich The Memory Police von Yoko Ogawa im Sortiment hatten. Das Buch ist auf Deutsch letztes Jahr unter dem Titel Insel der verlorenen Erinnerung im Liebeskind Verlag erschienen, bisher gibt es das nur als Hardcover. Ogawas Werk stand eigentlich auf meiner Langzeit Warteliste, da stehen Bücher drauf, die ich „irgendwann“ bzw. bei Gelegenheit lesen will. Auf Englisch gibt es das Buch bereits als günstigeres Taschenbuch beim Vintage Verlag, ich habe in diesem Moment also die Gelegenheit genutzt und mir diesen Wunsch früher als gedacht erfüllen können. Hätte ich es nicht so „frisch“ im Laden in unwiderstehlicher Nähe gefunden, hätte ich es vermutlich auf Deutsch gelesen. Eine Übersetzung ist es dennoch, Yoko Ogawa ist Japanerin und veröffentlicht auch auf Japanisch.

Bin sehr gespannt, wie es bei euch so aussieht 🙂 Habt eine tolle Woche!!

Eure Lotti


Falls ihr die Montagsfrage noch nicht kennt, dann schaut doch auf Antonias Blog vorbei und macht selbst mit! Eine neue Montagsfrage gibt es – Überraschung – jeden Montag.

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