Die Montagsfrage #84 Sollten weibliche Autoren mehr aus Sicht von weiblichen Protagonisten schreiben?

Hei hei an euch alle! 🙂 Ich hoffe, dass es euch gut geht.

Ich bin ganz Feuer und Flamme, die heutige Montagsfrage auseinander zu nehmen, und weil das bestimmt einiges an Text wird, halte ich das Intro heute einmal kurz 😉 Jedenfalls, für alle Neuleser, habe ich euch hier den Originalpost von Antonia vom Lauter & Leise Blog verlinkt – schaut auf jeden Fall vorbei, es machen jede Woche ganz viele Leute mit und es ist einfach toll, durch die Antworten stöbern zu können (und selbst mitzumachen).

Ich habe mich riesig über die heutige(n) Frage(n) gefreut; also gibt es jetzt ohne weiteres Geplauder meine Antwort:

Sollten weibliche Autoren mehr aus Sicht von weiblichen Protagonisten schreiben?

und die dazugehörigen Unterfragen:

  1. Sollten wir generell mehr Literatur von weiblichen (oder non-binaren) Autoren gelesen, weil die Perspektiven dieser Autoren innerhalb der letzten Jahrhunderte (und Jahrtausende) oftmals nicht zur Sprache gekommen sind? (Das selbe gilt für Literatur von POC, LGBTQ+ Autoren und anderen Menschen, die innerhalb der letzten Jahrhunderte kaum eine Stimme gehabt hätten, ich habe nur hier das Geschlechter-Beispiel gewählt.)
  2. Sind weibliche Autoren die einzigen, die ihre Perspektiven deutlich machen können?
  3. Brauchen wir dazu per se eine weibliche Protagonistin?

1. Sollten wir generell mehr Literatur von Frauen, POC, LGTBQ, religiösen Minderheiten usw. lesen?

Kurze Antwort – ja.

Lange Antwort:

Ich finde, es kommt auch immer darauf an, was man will. Als mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich nur ganz wenige Werke von Autorinnen gelesen habe, war ich entschlossen, gegen dieses Ungleichgewicht vorzugehen – sofort. Das betraf aber nicht nur das Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern in meinem Regal, sondern auch außereuropäische/ nicht-westliche Autor*innen, Minderheiten, und Menschen unterschiedlicher Religion, Sexualiätät, sex. Zugehörigkeit etc.

Grund dafür, dass mir das so wichtig ist, ist schlicht meine Sicht auf die Welt und auf Literatur, deren Bedeutung weit über simple Unterhaltung hinaus geht und einfach der perfekte Weg ist, die eigene Realität verlassen und sich in andere Kulturen, Realitäten und Strukturen zu begeben. Das ist, was ich von Literatur möchte, darauf lege ich Wert – ich will ein richtig gutes Buch, das mich fesselt, und ich erwarte, dass ich danach etwas ganz bewusst wahrnehme oder weiß, das mir vorher nicht bewusst war. Deshalb ist es mir persönlich selbstverständlich wichtig, dass ich von so vielen verschiedene Menschen wie möglich lese. Ich kann das nicht einfach nur auf männlich versus weiblich herunterbrechen.

Das Ding ist, dass ich viel Wert darauf lege, informiert zu sein. Nicht nur über das Wetter von morgen oder Deutschland, sondern internationaler. Wenn ich mich mit anderen Menschen über verschiedenste Dinge unterhalten will – die Ausschreitungen in Minnesota, Frauen im Islam, die wirtschaftliche Entwicklung in der Sahelzone, Familienpolitik in Asien, was weiß ich – dann kann ich das einfach nicht, wenn ich nichts weiß oder ich nur die Perspektive der westlichen Welt kenne. Daher ist mir Vielfalt bei der Buchauswahl eben sehr wichtig und ich persönlich habe immer so ein paar cringe Momente, wenn einem dann gesagt wird, das sei ja erzwungen. Trifft vielleicht auf manche Leute zu, aber ich fühle mich in keinster Weise unter Zwang oder unter Druck. Ich habe wortwörtlich Bock drauf, mich damit zu beschäftigen, welche Autoren in der LGTBQ Szene gerade der letzte Schrei sind, ich bin Feuer und Flamme, saudische Autorinnen und kongolesische Autoren ausfindig zu machen und mir ihre Veröffentlichungen anzusehen🔥🔥 und ja, dann gehe ich in den Laden und frage oder suche nach genau den Titeln, die mein Interesse geweckt haben, von genau diesen Leuten.

Auch ich bin auf der Suche nach guten Büchern, immer 😉 Gute Literatur ist meine Leidenschaft. Aber ich sehe hier keinen Widerspruch. Guten Literatur findet man überall – ob von Männern, Frauen, Non-binaren, Trans, Christen, Muslimen, Deutschen, Russen, Tansaniern, Chilenen. Ich will ein gutes Buch.

Wenn es jetzt speziell um das Geschlecht der Autoren geht, würde ich sagen, dass ich eigentlich nur dann wirklich besonders Wert auf das Geschlecht lege, wenn das jeweilige Geschlecht (oder sexuelle Orientierung) ständig durch die Medien in eine bestimmte Rolle gepresst wird. Wenn ich ein bestimmtes Bild im Kopf habe und nicht weiß, woher es kommt, dann weiß ich, es ist Zeit, dagegen mit einem Buch vorzugehen. So geschehen zum Beispiel mit Literatur von Musliminnen und Flüchtlingen in Mittelamerika. Und JA, in beiden Fällen war es mir eben doch extrem wichtig, dass Ersteres von einer/mehreren muslimischen Frau(en) kommt und Letzteres von Geflüchteten, weil ich diese Leute mit ihren eigenen Worten hören möchte, und nicht jemand, der über sie schreibt. Es ist nicht das gleiche.

2. Sind weibliche Autoren die einzigen, die ihre Perspektiven deutlich machen können?

Also, es kommt darauf an, finde ich – und zwar darauf, worum es geht. Generell denke ich, kann ein talentierter Autor welchen Geschlechts auch immer bestimmt die Perspektiven deutlich machen, das ist eben auch einfach eine Frage des Talents, des Feingefühls und des Respekts und keins davon hat mit dem Geschlecht zu tun.

Aber wie gerade angesprochen, gibt es eben manchmal Situationen, in denen über eine bestimmte Sorte Mensch schon so viel aus zweiter Hand berichtet wird, dass die eigentlich „Betroffenen“ kaum zu Wort kommen. Dann, finde ich, macht es eben doch einen Unterschied. Aber auch das würde ich nicht an das Geschlecht des/der Betreffenden knüpfen. Es kann genauso gut die Religion oder Herkunft betreffen.

3. Brauchen wir dazu per se mehr weibliche Protagonistinnen.

Ganz klar nein. Man kann aus verschiedenen Perspektiven über die gleiche Problematik schreiben und jedes Mal kann dabei das beste Buch ever entstehen.

Ich habe tendenziell bisher sowieso eher die Erfahrung gemacht (mit meinen Büchern in meinem Regal), dass Frauen aus der Perspektive von Frauen schreiben und Männer aus der von Männern und Frauen. Ich kenne nicht so viele Bücher von Autorinnen, in denen aus Sicht einer männlichen Figur geschrieben wurde. Und ich kann euch das ganz bestimmt sagen, weil ich mein Bücherregal diesbezüglich analysiert habe. Ich habe mehr männliche als weibliche Autoren bei mir stehen, aber die Zahl weiblicher Hauptcharaktere ist genau deckungsgleich mit der männlicher.

Mir fällt da mein Vati ein, für den das Protagonisten-Thema sowieso etwas heikel ist, weil er es oft erlebt hat, dass eine weibliche Autorin die männliche Perspektive mal so richtig verkackt hat xD Und auch ich habe Bücher männlicher Autoren gelesen, in denen das mit der weiblichen Perspektive auch etwas … schwierig ist xD Generell bin ich aber ABSOLUT dafür – und ich halte das auch für eine tolle Schreibübung – dass Autoren und Autorinnen sich mehr trauen bezüglich anderer Geschlechter und einfach mal aus der Sicht von jemand schreiben, der ein anderes Geschlecht hat oder mit der Geschlechterfrage Probleme hat. Die beisten Autor/-innen, die ich kenne, rocken beides und dafür liebe ich sie 😉


So, das war es ❤ Ich wünsche mir einfach, dass der Büchermarkt generell vielfältiger & globaler wird, und die Diskussion nicht immer nur auf das Geschlecht der Autorinnen und Autorin geführt wird.

Also – mehr generelle Vielfalt, Toleranz, mehr Mut, und eine freie Protagonist*innenwahl. Das wünsche ich mir und euch wünsche ich eine tolle Woche!!

Eure Lotti Xx

5 Gedanken zu “Die Montagsfrage #84 Sollten weibliche Autoren mehr aus Sicht von weiblichen Protagonisten schreiben?

  1. Pingback: Die Montagsfrage #84 – Sollten weibliche Autoren mehr aus Sicht von weiblichen Protagonisten schreiben? – Lauter&Leise

  2. Hey, ich weiß zwar nicht inwiefern mein „Meinungssenf“ hier gewünscht ist, da ich aber vor wenigen Wochen mich just das Gleiche fragte, erlaube ich mir den Versuch einer Antwort.
    In mir kam just diese Frage auf, nachdem ich „GMR – Brainfuck“ von Frau Berg las (wer Lust hat, eine recht ausführliche Rezension findet sich auf meinem Blog). Ich finde das Buch zu Dreiviertel supersuper. Und zu einem Viertel grottenschlecht. Dieses eine Viertel lässt sich klar benennen: Frau Berg schildert recht deftig was Männer so wollen, wie sie sind, was sie treibt, wovor sie Angst haben. Aus Männersicht.
    Kann man machen. Als Mann, der das liest, verdreht man aber eben permanent die Augen. Ist das hiflos, ist das plakativ, wer keine Ahnung hat wie das Leben aus Männersicht aussieht, sollte es gar nicht erst versuchen. (Die Autorin Mirja Toews hat das mit „Die Aussprache“ wesentlich besser hinbekommen).
    Ich dachte also erstmal: wenn eine Frau aus Männersicht schreibt, kann das nur so ein plakativer Toxic-Murks werden. Dann aber fiel mir gottseidank rechtzeitig noch ein, dass Männer ja seit, was weiß ich, 300 Jahren nichts anderes machen. Da schreibt ein Fontane oder ein Balzac „wie die Frau ist und denkt“ und ioch dachte immer: jaja, genau so ist es dann wohl.
    Geschärft durch Frau Bergs „Versagen“ bei dem einen Viertel lese ich Frauenfiguren in Romanen von Kerlen seitdem tatsächlich anders, vorsichtiger. Wenn ein Kerl einen Kerl beschreibt, nehme ich ihm das ab, wenn er aus Frauensicht was beschreibt: naja, mit Vorsicht genießen.

    So gesehen also ist meine Meinung, ja, Männer beschreiben Männer, Frauen beschreiben Frauen. Leider hat diese nette natürlich praktische Hindernisse. Ein lebendiger Roman hat nunmal möglichst viele Geschlechter am Start. Und auch wenn ein mann einen männlichen Protagonisten wählt, irgendwo wird er irgendeiner Frau schon Worte in den Mund legen müssen, ihr diese und jene Reaktion unterschieben müssen. Andersherum natürlich genauso. Ich las jüngst Jules Verne „20.000 Meilen unter den Meeren“, da kommen echt auf 600 Seiten nur Kerle vor. Das hatte echt was Authentisches und der Stoff gibt es ja her, aber – irgendwie auch feige. Die tiefere Frage ist auch, ob es nicht sogar wichtig ist, sich in andere Identitäten hineinzuversetzen? Ich gebe zu, ich lese am liebsten Romane von männlichen weißen Autoren. Einfach weil die mir selbst am nähesten sind, ich da am meisten mitnehme, da irgendwie so ein, tja, Band ist. Alles andere wäre ja auch seltsam. Ich lese aber bewußt jedes Jahr 20 Romane von „anderen“ AutorInnen. Um der eigenen Bubble-Gefahr zu entgehen, den Tellerand zu überhoppsen etc. Aber: das nehme ich mir eben echt richtig vor. Gehe auch mit dem Vorsatz in den Buchladen: Heute suche ich nach einer südamerikanischen Autorin zwischen 20 und 45. (Die Angestellten dort lieben mich, weil sie wissen ich kaufe immer viel, aber sie stöhnen auch, wegen dieser konkreten Anfragen, ha).
    Was ich damit sagen will: Wir wollen ja alle empathischer werden. Und dazu gehört eben sich in „die anderen“ hineinzuversetzen. Das ist der Punkt an dem ich gerade stehe: Frau Berg ist zwar schrecklich gescheitert beim Versuch die Welt aus Männersicht zu beschreiben, aber sie hat es immerhin gewagt! Und mir was gegeben zum Nachdenken, zum Weiterspinnen etc.
    Und darum geht es doch.
    Wenn frauen nur noch ihr Ding abhandeln und Männer ihr Ding, hm, ich fürchte dann entsteht da keine bessere Welt draus.

    Viele Grüße, Danke für die Anregung,
    David

    Liken

    1. Lesen aus Liebe

      Hallo David,

      deine Meinung ist natürlich erwünscht! 😉 Ich finde es toll, dass du ganz bewusst auch Bücher auswählst, die von deutschen Verlagen vielleicht nicht gerade in den Mittelpunkt gerückt werden und von in Deutschland vielleicht weniger bekannten „anderen“ Autorinnen und Autoren geschrieben wurden! Ich selbst lege mir keine genaue Zahl fest, gehe aber mit der gleichen Neugierde und Leidenschaft an die Sache heran wie du.

      Das Autoren und Autorinnen mit einer anderen Perspektive scheitern können, dieses Risiko besteht natürlich immer. Manchmal stolpere auch ich über eine sehr generelle, einfach so dahingestellte Aussage und denke mir dann so „Aha. Was zu beweisen wäre.“ Und trotzdem finde ich, dass es zur Schönheit des Schreibens gehört, dass man selbst als Autor/-in die Möglichkeit hat, die Welt durch die Augen einer ganz und gar anderen Person zu sehen. Ich finde, so ein Perspektivwechsel tut einem als Mensch einfach gut und schult einem, vorsichtig mit Vorurteilen und Pauschalisierungen zu sein.

      Ich habe etliche wunderbare Bücher von Männern gelesen und würde daher niemals einen Groll auf männliche Autoren hegen. Das würde meinen moralischen Grundsätzen widersprechen. Vielfalt ist mir dennoch wichtig. Es ist wie mit einer guten Mahlzeit. Ich liebe gutes Essen, aber jedes Mal, wenn ich in ein Restaurant gehe, versuche ich eine Mahlzeit zu finden, die ich noch nicht kenne. Ich liebe Hamburger und esse immer mal wieder einen, aber wenn es auf der Speisekarte etwas gibt, dass mir vollkommen unbekannt ist, will ich es kosten. Wer weiß, vielleicht liebe ich es ja 😉

      In diesem Sinne, Danke für deine Meinung! Viel Spaß mit deiner neuesten Entdeckung!
      Charlotte

      Liken

  3. Hallo Lotti,

    wow, das nenne ich umfangreich und detailliert. Ich verstehe deine Erläuterungen.
    Die Welt erkunden, Kulturen kennenleren, andere Menschen verstehen und sich ein stückweit hineinzuversetzen, sich mit passender Lektüre dem Weltgeschehen nähern – es ist eine hohe Kunst, dann die passenden Bücher zu finden. Ich finde das bemerkenswert.

    Ich gebe offen zu, dass die Welt der Bücher oft mein Weg aus dem Alttagstrott und überhaupt aus der Welt, wie sie ist, wegzukommen. Ich lese nach gusto, lese von Menschen, das Geschlecht ist mir dabei nicht wichtig. Ich brauche nur das Gefühl, dass dieses Buch zu mir und meiner Stimmung passt 🙂

    Liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

    1. Lesen aus Liebe

      Hallo Tina,

      Danke für deinen lieben Kommentar 🙂

      Ach ja, Bücher sind wirklich ein tolles Mittel, dem eigenen Alltag zu entfliehen und ich komme mehr und mehr zu dem Schluss, das Menschen dem Alltag ganz verschieden entfliehen wollen – manche vollen einfach abschalten und die Seele baumeln lassen und Ruhe, anderen suchen eher nach dem Thrill, dem Kick, und gehen diesen Weg. Es ist ein persönlicher, individueller Weg, denn jeder für sich findet.

      Für mich perönlich hat sich das Lesen durch Kulturen und Länder durch die Augen dieser oder jener Gesellschaftsgruppe als besonders „heilender Fluchtweg“ aus meinem Alltag/ Umweg herausgestellt. Es gibt so viele Bücher von so vielen verschiedenen Menschen, dass ich nie Probleme hatte, ein Buch zu finden, das einerseits thematisches Interesse in mir weckt und gleichzeitig meinen Wunsch nach Vielfalt erfüllen kann 😉 Ich muss jedoch zugeben, dass es dabei immer von Vorteil ist, wenn man mehrere Sprachen spricht, dann ist die Auswahl noch einmal größer.

      Liebe Grüße
      Lotti

      Liken

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